(von Luc Bürgin)

1954 verzeichneten unsere Historiker sechs mittelschwere Katastrophen: Das Heilbronner Dachsteinunglück. Das Lawinendrama in Vorarlberg. Eine heftige Sturmflutserie. Sowie die Geburt von Recep Erdogan, Dieter Bohlen und Angela Merkel. 1000 Dinge bewegten sich auf dieser Welt seither vorwärts und 999 zurück. Zyniker nennen dies Fortschritt. Ich bleibe dabei: Nach ihrer Schöpfung hat die Menschheit schwach angefangen und stark nachgelassen. Was sich Ausserirdische wohl denken, wenn sie erfahren, dass sich Frauen im Iran weiterhin verkleidet ins Fussballstadion schleichen müssen, um dort mit angeklebten Bärten, Perücken und grabestiefer Stimme ihre Idole anzufeuern, weil ihnen der Einlass ins heimische Kicker-Paradies trotz WM-Ausnahme auch künftig verwehrt bleiben soll?

Fussball-Zeit bleibt Mauschel-Zeit. Klammheimlich führten Union und SPD im Schatten der Weltmeisterschaft eine Reform der Parteienfinanzierung durch. Weil beide Regierungsparteien Wählerstimmen verloren haben, drohten ihnen massive finanzielle Einbussen. In Rekordzeit von zehn Tagen peitschte die Grosse Koalition deshalb ein Gesetz im Bundestag durch, das ihr ab sofort 18 Millionen Euro mehr im Jahr zuschanzt. »Die Opposition wurde an den Beratungen nur pro forma beteiligt. Die Schnelligkeit und Heimlichtuerei zeigen, dass CDU/CSU und SPD genau wissen, dass sie etwas Anstössiges tun.« (»Berliner Kurier«) Zur Erinnerung – in folgenden Jahreszeiten lügen Politiker gemäss Statistik besonders dreist: im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter. Was sich ändern würde, wenn wir unsere Volksvertreter in die Wüste schickten? Der Sand würde teurer!

Längst trägt Deutschlands Willkommenskultur auch kulinarische Früchte. Ob »Tittenfisch«, »Pudelzucker«, »Kugelschreiber-Sauce«, »Hautgerichte«, »Schamfleisch« oder »Spaghetti nach Hurenart«: Unsere Speisekarten wimmeln mittlerweile nur so von exotischen Kreationen. Bami Goreng oder Nasi Goreng? Out! Stattdessen pries mir ein Lokal in Freiburg neulich wörtlich »Nazi-Goreng« an! Geschmacksache auch »Asia Wok« in Homburg, wo Veganern laut Karte »Bambi-Goreng« kredenzt wird. Selbst lokale Kost unterliegt dem Zeitgeist: In der Kneipe Alt-Schmidd in Blieskastel etwa gibts nun »Schnitzel nach Art ›wandernder Menschen‹ (ehemals Zigeuner)«. Ebenso aufstossend: »Veganer-Eierkuchen, schmeckt nicht« (Eierkuchen-Paradies, Bonn), »Rindfleischburger zum Selbstkrepieren« (Finca & Bar Celona, Oldenburg) oder »Beleckte Brötchen« (Bäckerei in Fröndenberg). Mahlzeit!

Bauchschmerzen plagen auch den Buchhandel: Immer mehr Menschen lesen immer weniger! Stattdessen starrt der apathische Mob rund um die Uhr hypnotisiert aufs Handy. Vor allem Junge seien kaum noch bereit, sich auf die Anstrengung längerer Texte einzulassen, wie der Deutsche Lehrerverband klagt. In England und den USA erwägen Pauker sogar die Abschaffung analoger Uhren, weil immer mehr Schüler diese im Gegensatz zur Digitalanzeige ihrer Smartphones nicht mehr lesen könnten. Was wohl als Nächstes folgt? »Lustige Taschenbücher« von Disney als Abitur-Lektüre?! Ich behaupte: Die wachsende Denkfaulheit spielt den Mächtigsten in die Hand. Wer nicht weiss, wie er verarscht, belogen und betrogen wird, begehrt auch nicht dagegen auf. Oder wie Ausnahmedenker Noam Chomsky mahnt: »Die Mehrheit der Bevölkerung versteht nicht mehr, was geschieht. Und sie versteht noch nicht einmal, dass sie es nicht versteht!«

Und irgendwo da draussen in einem deutschen Klassenzimmer trommelt ein Lehrer derweil lautstark seine neuen Schüler zusammen. »Mustapha El Ekhzeri?« »Anwesend!« – »Achmed El Cabul?« »Anwesend!« – »Kadir Sel Ohlmi?« »Anwesend!« – »Mohammed Endahrha?« »Anwesend!« – »Mohammed El Ouadani?« »Anwesend!« – Omar al-Khalil?« »Anwesend!« – »Mel Ani El Sner?« Stille im Klassenzimmer. Ein zweites Mal lauter: »Mel Ani El Sner!« Zögerlich steht ein deutsches Mädchen in der letzten Reihe auf und sagt schüchtern: »Das bin wahrscheinlich ich, Herr Lehrer. Aber mein Name wird MELANIE ELSNER ausgesprochen.«

Bleibt noch das Wort zum Sonntag: »Meine Damen und Herren von den Regierungsparteien, auch wenn Sie mit noch so treuen Augen über die Zuwanderung sprechen: Die Menschen im Land wissen, dass Ihr Gesetz eben keine Begrenzung von Zuwanderung bietet! Und Sie wissen, dass Otto Schily bereits am Anfang dieser Legislaturperiode gesagt hat: Das Mass des Zumutbaren ist überschritten! Sie wissen das spätestens nach PISA: Bevor wir neue Zuwanderung haben, müssen wir zuerst die Integration der bei uns lebenden ausländischen Kinder verbessern! Mit uns haben Sie die Alternative. Wir werden das ändern!« Nein, dies sind keine aktuellen Schlachtrufe der AfD. Sondern Angela Merkels wörtliche CDU-Parolen im Deutschen Bundestag vom 13. September 2002 – damals noch in der Opposition.

Luc Bürgin (Herausgeber)