(von Luc Bürgin)

Was geschieht, wenn man menschliche Gehirne miteinander vernetzt? Sie produzieren noch mehr Unsinn! Und so präsentierte Samsung kürzlich, worauf niemand gewartet hatte: das teuerste Handy der Welt. 2000 Euro kostet es. Zudem ist es faltbar. Und damit platzsparend entsorgbar. Weil es bereits nach wenigen Tagen den Geist aufgibt. Wie innovativ! Ich behaupte: Jedes eiserne Schloss vor 100 Jahren war sicherer als die modernste elektronische Türverriegelung. Jeder antike Panzerschrank bleibt schwerer zu knacken als unser E-Banking-Konto. Und jedes verstaubte Kabeltelefon mit Wählscheibe abhörsicherer als ein Smartphone. Merke: Die Arche Noah wurde von Amateuren gezimmert. Die Titanic von Profis konstruiert.

Rückschritt bleibt ein irdisches Privileg. Längst erobern Bücher über unnützes Wissen die Bestsellerlisten, während immer mehr Publikationen mit nützlichem Wissen im Regal verstauben. Wer will sich schon daran erinnern, dass Frauen in der BRD erst seit 1977 gesetzlich nicht mehr »zur Führung des Haushaltes« verpflichtet sind? Oder dass es in Deutschland erst seit 1998 erlaubt ist, sein Kind Jesus zu nennen? Oder dass es Juristen »nicht zumutbar ist, zur Wahrnehmung eines Gerichtstermins die Reise vor 6 Uhr morgens (Nachtzeit) anzutreten und derart früh aufzustehen«? (OLG Nürnberg, 2012) Oder dass Hessen bereits 2018 (!) die Todesstrafe aus seiner Verfassung gestrichen hat?

Intelligenz bleibt ein ausserirdisches Privileg. Und so lästert derzeit alle Welt über Trumps Mauer-Projekt an Mexikos Grenze. Gleichzeitig scheint es niemanden zu kratzen, dass die Türkei in den letzten Jahren einen 900 Kilometer langen Stacheldraht-Betonzaun zur syrisch-iranischen Grenze hochziehen liess. Die drittlängste Mauer der Welt. Und dies mit millionenschwerer Unterstützung der Europäischen Union! Zur Erinnerung: Der 21. März gilt in Brüssel als Feiertag – Ende des Winterschlafs und Beginn der Frühjahrsmüdigkeit, die nach der Sommerpause endet. Weil danach der obligate Herbstblues Einzug hält.

Unvorstellbar, dass sich unsere Gurken-Normierer ihre Ratspräsidentschaft von Gauner-Syndikaten wie VW oder Audi sponsern lassen – und dennoch wahr! So durfte bei der jüngsten EU-Aussenministerkonferenz in Bukarest ausgerechnet Coca-Cola klebrige Geschenke verteilen. Und 2018? Da hatte Österreich den EU-Vorsitz inne, wo man sich dank des noblen Wiener Frottee- und Bettwäsche-Sponsors »Zur Schwäbischen Jungfrau« die befleckten Hände ebenso kostenlos in Unschuld wusch. Fehlt nur noch, dass die lustlosen Paarungsversuche im Berliner Bundestag künftig von der Beate Uhse AG gefördert werden. Oder Angela Merkels Neujahrsansprache von Vicks MediNait präsentiert wird (»Für einen erholsamen Schlaf«)!

Insofern kann ich mich nur wiederholen: Falls wir tatsächlich in einer virtuellen Computer-Realität leben, deren Matrix aus Einsen und Nullen besteht, repräsentieren wir wohl die Nullen. Denn in Wirklichkeit ist alles noch schizophrener: Könnte ich etwa als Historiker glasklare Beweise dafür vorlegen, dass im Zweiten Weltkrieg nicht wie offiziell behauptet sechs Millionen, sondern acht Millionen Juden ihr Leben lassen mussten, wären mir huldvolle Schlagzeilen in Deutschland, Amerika oder Israel sicher! Ebenso wie so manche internationale Ehrung. Mein Ruhestand wäre gesichert. Würden meine ebenso glasklaren Beweismittel dagegen relativierend »nur« vier Millionen tote Juden dokumentieren, wäre der mediale Shitstorm garantiert. Zudem müsste ich mich in meiner Heimat vor Gericht als Holocaust-Leugner verantworten.

Anderes Beispiel: Gelänge es mir, als namhafter Klimaforscher klipp und klar zu belegen, dass die globale Erhitzung weitaus schneller voranschreitet als aktuell befürchtet und etliche Küstenstaaten bereits übermorgen im Meer versinken, wären mir dank einflussreichen Institutionen Forschungsgelder in Millionenhöhe sicher. Könnte ich dagegen ebenso blitzsauber nachweisen, dass wir diesbezüglich aktuell einer Massenhysterie erliegen, erhielte ich ab sofort keinen Cent mehr für meine Forschungen und würde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft wohl als Ketzer verdammt und gesellschaftlich geächtet. Oder noch dreister fabuliert: Könnte ich als weltberühmter IQ-Forscher nobelpreisverdächtig belegen, dass alle Dunkelhäutigen genetisch doppelt so clever sind wie wir Bleichgesichter, würde ich ebenso als Intelligenzbestie gefeiert. Meine Publikationen würden sich jahrelang in allen Bestsellerlisten tummeln, ich wäre in etlichen Talkshows präsent. Könnte ich dagegen ebenso brillant das exakte Gegenteil dokumentieren, würde ich weltweit als Rassist geächtet, gebrandmarkt und verdammt – und von Fanatikern womöglich sogar um die Ecke gebracht.

Fazit: Nicht unmenschliche Despoten entscheiden über unser gesellschaftliches Schicksal. Sondern der menschliche Zeitgeist. Ob dies eine gute Nachricht ist, wage ich zu bezweifeln. Bleiben Sie in diesem Sinn weltoffen, neugierig und kritisch. Und vergessen Sie nie: »Das Problem mit Zitaten im Internet oder in der Presse ist, dass man nie weiss, ob sie wirklich korrekt sind.« (Johann Wolfgang von Goethe, 1749–1832).

Luc Bürgin (Herausgeber)