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Warum nennt niemand die
Idioten beim Namen?
Darf man schreiben, was alle denken, aber niemand aussprechen mag?Ja – wenn es nicht publiziert wird! Diesmal produzieren wir 31’000 Hefte –
mehr denn je. Dennoch kann ich nicht umhin, mir einmal mehr die Zunge zu verbrennen. In diesem Sinn folgt die positivste Nachricht vorab: Deutschlands neuer Hoffnungsträger heisst Westerwelle. Und das dürfte leider auch schon das einzig Gute sein,was wir in Zukunft über ihn berichten können. Denn so originell der Mann scheinen mag: Auch er wird sich dem verlogenen System unterordnen,das ihn gross gemacht hat. «Lieber Westerwelle als gar keine Welle!», beschworen ein paar Mädels den drohenden Tsunami kürzlich auf der Münchner Wiesn, als sie ihn schön tranken... Noch scheinheiliger ist die Stimmung nur in der Schweiz, wo verkleidete Höflichkeit einmal mehr über nackte Ehrlichkeit triumphiert: Da verleiht man Filmstar Roman Polanski einen Ehrenpreis und verhaftet ihn bei seiner Einreise auf Geheiss der USA prompt wegen einer über 30 Jahre alten Sex-Affäre. Dem libyschen Diktator Gaddafi dagegen küssen unsere eidgenössischen Staatsoberen so lange die Füsse, bis man sie dafür einklagen müsste – wegen sexueller Nötigung. Ich bin kein Diplomat, also spreche ich die Wahrheit unverblümt aus: Schrumpfköpfe gibts überall! Man nennt sie Politiker. Organisiert sind sie in Parteien – Selbsthilfegruppen für Meinungslose. Sie mögen sich rot, grün, schwarz oder gelb bemalen und sind doch farbloser als viele Parteilose. Intellektuell unterboten werden ihre Durchhalteparolen derzeit nur von Pierre Mirabaud, Chef der Schweizer Bankierzunft, der sich in seiner Abschiedsrede ernsthaft fragte: «Woher kommt nur der Hass auf unseren Berufsstand?» Tja, Monsieur: Merci, dass wir uns Ihren Namen nicht mehr merken müssen! Ehrlich gesagt: Unsere verlogene Anstandsgesellschaft raubt mir derzeit den letzten Nerv! Die offizielle Schönrederei animiert zu immer abstruseren Ehrerbietungen. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass sich am tiefsten bücken muss, wer im lokalen Supermarkt die billigsten Produkte ergattern will? Der Kniefall vor den Regalen der Lebensmittel- Könige findet täglich statt. Erfunden haben ihn clevere PR-Strategen – und Millionen zelebrieren ihn artig, ohne darüber nachzudenken. Jeden Tag kapitulieren wir aufs Neue vor dem täglichen Wahnsinn und schenken ihm damit seine Existenzberechtigung. Durchschauen etwa Sie die immer verwirrenderen Strom-, Telefon- und Heizrechnungen, die Ihnen derzeit ins Haus flattern? Sind Sie damit einverstanden, dass das Google-Imperium ungefragt Ihre Haustüre blitzt und die Fotos ins Internet stellt? Und: Haben Sie sich schon
mal überlegt, warum Sie in immer moderneren Jets in den Urlaub flitzen – der schwimmfähige Flugschreiber aber noch immer nicht erfunden ist? Das globale Stimmungsbarometer zeigt auf Sturm! Immer öfter fühlen wir uns einsam, weil wir glauben, anderen versichern zu müssen, wovon wir im Grunde unserer Seele nie überzeugt waren. Öffentlich beschwören wir den einen Gott, obwohl wir heimlich längst mit Feen, Engeln, Geistern, Dämonen und ETs um die Wette flirten. Der weltweite Seitensprung ist überfällig. Die Zeitbombe pocht in unserem Herzen. Wer sich den Tanz ums goldene Kalb vermiesen lässt, hat die letzte Chance der Zukunft nicht kapiert. Warum scheuen wir neue Welten wie der Teufel das Weihwasser? Weil wir beschränkte Affen sind und beschränkte Affen
bleiben – auch wenn wir uns täglich bunte Krawatten umbinden, um uns das Gegenteil zu beweisen. Sie glauben mir nicht? Schlagen Sie ruhig im Lexikon nach. Denn die Anthropologie – kein Witz! – ordnet den Menschen ob seiner verkümmerten Spürnase neuerdings der Untergattung der Trockennasenaffen zu. Herrliche Erkenntnisse: Unsere Politiker? Parteiische Affen. Unsere Experten? Gelehrte Affen. Unsere Wirtschaftsführer? Korrupte Affen. Unsere Religionsführer? Scheinheilige Affen. Und die Stars und Sternchen? Lackaffen! Wie brummte der Zyniker enttäuscht, als er sich aus dem Zoo schlich: «Auch Affen sind nur Menschen.» Sorry, aber verglichen mit der Moderne erscheint mir die Steinzeit manchmal wie eine romantische Utopie. Wie viele Atombomben sind nötig, um sie zu verwirklichen?
Luc Bürgin (Herausgeber)
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