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Spaziergang im Reich der übermütigen Gedanken
Bei der Lektüre verbotener Bücher bemerkte ich vor vielen Jahren, dass Wissen immer dann am fruchtbarsten spriesst, wenn es als Unkraut verteufelt wird. Später notierte ich mir in jugendlichem Eifer folgenden Satz auf einen Fetzen Papier: «Die Wahrheit keimt immer dort am schnellsten, wo wir nach ihr lechzen.» Wann haben Sie zuletzt ein Buch gelesen, das Ihren Übermut reizte? Im Frühling wuchern die wildesten Gedanken – man sehnt sich nach Inspiration. Also vergrub ich mich dieser Tage wieder mal in die unergründlichen Weiten der Basler Universitätsbibliothek mit ihren Millionen uralter Bücher. Dort, wo ich als blutjunger Bursche vor über zwanzig Jahren beinahe meine Matura vermasselt hätte, weil mich Werke über UFOs, Däniken & Co. seit jeher mehr in ihren Bann zogen als all die Schulbücher, die mich bis heute sämtlicher Fantasie berauben. Ich schritt die knarrenden Treppen in die Archive runter – immer tiefer, bis in die düstersten Kellerräume. Die unzähligen Regale, vollgestopft mit ketzerischen Schmökern, schienen noch länger geworden zu sein. Sie wuchsen vor meinen Auge an, bis ihr Ende nicht mehr abzusehen war. «Das Wissen der Menschheit hat sich derart vermehrt, dass es in unseren Köpfen keinen Platz mehr findet», flüsterte ich nachdenklich vor mich hin. «In all den Büchern dieser Welt versteckt sich zu viel Weisheit, als dass sie ein einzelner Mensch heute noch verkraften könnte...» Gedankenversunken wanderte ich auf meinem «Jakobsweg» vorbei an uralten, ketzerischen Bibel-Texten und vergilbten philosophischen Traktaten. Vorbei an kiloschweren, in Leder gebundenen Jahrbänden archäologischer Journale – vor weit über 100 Jahren in Kleinstauflagen gedruckt. Vermächtnisse, in denen ungehobene Schätze schlummern. Der verführerische Mief der Jahrhunderte juckte wie Schnupftabak in meiner Nase. Weitere Sätze galoppierten durch meinen Kopf: «Es gibt Bücher, die sollte man zehnmal lesen, damit man sie einmal im Leben begreift.» Oder:«Ein Buch ist immer nur so reif, wie der Leser, der es gerade liest.» Ich schlenderte weiter, vorbei an einem jahrealten und immer noch in Plastik eingeschweissten US-Werk mit dem Titel: «George W.Bush: Porträt eines Leaders». Schade um die Bäume, die dafür gefällt werden mussten... Und irgendwann stand ich wieder in der frischen Luft. Unter meinem Arm: Jede Menge verstaubte Schmöker aus vergangenen Zeiten. Spätabends blätterte ich zu Hause darin, geriet nach einem Schluck Rotwein erneut ins Grübeln und kam zum Schluss, dass der Traum aller Suchenden darin zu liegen scheint, das gesamte Wissen ihrer Zeit dergestalt zu plündern und auf den Punkt zu bringen, dass es persönlich Sinn macht. Welch genialer Trugschluss! Waren nicht gerade die besten Philosophen Meister darin, sich am Ende ihres Lebens zu vergegenwärtigen, dass sie immer noch nichts wussten? Könnte es nicht sein, dass ein einziges Glas Wein mehr wahre Gedanken gebiert als zehn nüchterne Akademiker je zu Papier bringen? Liegt die Suche nach dem Irgendwo im Nirgendwo? Oder umgekehrt? Absurd scheint immer nur, was sich kaum in Worte fassen lässt. O heilige Unvernunft, die uns ständig diktiert, was vernünftig sein soll. Zurück in die Realität. So wie sie uns die grossen Tageszeitungen am nächsten Morgen auf den Rückseiten ihrer Anzeigen in grossen Titelschriften präsentierten. Zum Beispiel: «Merkel hatte zu Ost-Zeiten Steiff-Tiere und spielte Monopoly» («Die Welt» am 7. Februar 2009). Sorry für die harten Worte, liebe Berufskollegen – aber wenn Belanglosigkeit einen Namen hätte, würde keine Mutter ihr Kind danach benennen. Warum unterbreitet Ihr uns nicht gleich Meldungen nach dem Motto: «In China ist ein Sack Reis umgefallen – und niemand weiss, wer den Sack genäht hat...» Weshalb wird Israel der Einsatz verbotener Waffen gegen die Palästinenser grosszügig verziehen? Weshalb schreit kaum jemand auf, wenn UNO und NATO in aller Stille einen Geheimpakt besiegeln? Und: Wo – um Himmels willen – ist eigentlich die hysterisch beschworene Vogelgrippe geblieben? Wem es ob derlei Fragen nicht in den Fingern juckt, dem geht das Fingerspitzengefühl für die Schizophrenität dieser Welt ab. Wie raunte doch der putzige Hase «Klopfer» im Disney-Film «Bambi» nach einem Machtwort seiner Mutter mit gesenkten Löffeln: «Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, soll man den Mund halten.» In diesem Sinn verbiete ich mir an dieser Stelle ausnahmsweise ebenfalls den Mund. Und wünsche uns im Geist des aufkeimenden Frühlings nur eines: Mögen die Schatten von gestern bald verblassen – in der Hoffnung auf die spriessenden Blüten von morgen.
Luc Bürgin (Herausgeber)
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