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«200 Milliarden: Was würden Sie damit tun?»
Kürzlich zappte ich zu mitternächtlicher Stunde zufällig in eine Dokusendung über Journalisten in Russland. Arme Kerle. Arbeiten notgedrungen in der eigenen Wohnung am Küchentisch. Werden von Staat und Geheimdienst bedroht und eingeschüchtert. Manche gar vergiftet. Und bleiben dennoch Idealisten – bis sie keine Kraft mehr haben.
«Wissen Sie», seufzte einer von ihnen sinngemäss vor der Kamera, «Sorgen bereitet mir heute vor allem etwas: Früher konnten wir hier in Russland mit einer politischen Enthüllung noch etwas bewegen. Heute reagiert die Obrigkeit nicht einmal mehr auf unsere kritischen Artikel. Sie schweigt einfach. Und die Öffentlichkeit duldet es. Das ist es, was mir wirklich Angst macht.»
Obs dem Mann wohl besser ginge, wenn er wüsste, dass sich diese Tendenz auch hierzulande breit macht? Ich zappte weiter, bis mich US-Präsident Bush angrinste. Soeben hatte er im Kongress sein Kriegsbudget für 2008 beziffert: 200 Milliarden US-Dollar! Diese Wahnsinnssumme soll im neuen Jahr allein in Irak und Afghanistan verpulvert werden. Zum Vergleich: Der gesamte erste Golfkrieg unter Bushs Vater hatte «nur» einen Drittel dieses Betrags verschlungen.
200 Milliarden Dollar: Verteilt auf die Gesamtbevölkerung dieses Planeten von 6,6 Milliarden Menschen, sind das 30 Dollar pro Person! Verdammt viel Geld, wenn man sich klar macht, dass das Durchschnittseinkommen in Afrika bei einem Dollar pro Tag liegt. Wer den Kriegswahnsinn bezahlen soll? Natürlich wir alle. Denn den drohenden Zusammenbruch der US-Wirtschaft und seine Auswirkungen auf die weltweite Finanzsituation bekommen wir schon heute weitaus härter zu spüren, als uns lieb ist.
Dann ein Blick in die Tagesthemen. Fazit: Ob Strom, Öl, Erdgas, Krankenkassen, Bier oder Lebensmittel – alles wird massiv teurer. Kreativ die Ausreden dafür, die uns am Laufmeter serviert werden: Die ach so gefrässigen Chinesen seien plötzlich auf den Geschmack gekommen und löffelten unsere Joghurts nun im Rekordtempo, was die Milchpreise hochtreibe. Die Verarbeitung von Getreide zu Biobrennstoffen wiederum sei schuld an den steigenden Brotpreisen. Und in Sachen Öl findet sich jederzeit irgendwo auf der Welt eine brennende Bohrinsel oder ein anderer politischer Brandherd, der als Sündenbock herhalten muss, weil er die Fördermengen verknappe. Und wer schon keine neuen Atomkraftwerke wolle, solle sich doch bitteschön auch nicht über steigende Strompreise beklagen, doziert die Energielobby.
Tatsache ist: Globalisierung schürt die Profitgier.Immer weniger Firmen kontrollieren immer mehr Produkte. Giganten wie Microsoft, Google, Ebay, Amazon, Shell, Nestlé, Novartis oder Monsanto steuern die Märkte und diktieren die Preise nach Belieben – im Bewusstsein, dass wir zahlen müssen, weil wir längst von ihnen abhängig sind. Konsequenz: Länder wie China, Russland, Iran, Saudi Arabien oder Venezuela haben in den letzten zehn Jahren dank stetig wachsenden Einnahmen im Öl- und Erdgassektor «über 13’000 Milliarden US-Dollar Investitonskapital angehäuft», wie der Schweizer Blogger Manfred Messmer unter Berufung auf die britische Bank Standard Chartered vorrechnet.
Und niemand scheint sich dagegen aufzulehnen. Zähneknirschend ertragen wir die Diktatur. Kleines Beispiel aus unserer Redaktion: Wussten Sie, dass auf den sauteuren Farbdrucker-Tonern der Firma Hewlett Packard Mikrochips aufgeklebt sind, die dem Computer mitteilen, wie viel Seiten bereits gedruckt wurden? Konsequenz: Sobald die 2000-Seiten-Grenze erreicht ist, sperrt der Chip den Toner: «Leer!» Ein neuer muss her – obwohl man mit dem alten locker noch ein paar hundert Seiten drucken könnte, wie Tests beweisen. Ebenso bei der teuren Bildtrommel. Die wird per Chip nach 20’000 Kopien automatisch deaktiviert, obwohl sie ebenfalls noch tadellos funktionieren würde.
Ach, dann war ja im TV in den vergangenen Monaten noch die angeblich so braune Eva Hermann, die ebenso schnell aus der Kerner-Talkshow flog, wie man sie eingeladen hatte, obwohl sie nur ihre Meinung vertreten hatte. Oder der TV-Besserwisser Joachim Bublath, welcher der Studiomoderatorin kürzlich vor aller Augen beleidigt den Rücken kehrte, weil ers in Sachen UFOs mit der eingeladenen Rockröhre Nina Hagen nicht konnte. Selber schuld!
Und irgendwo da draussen fragt derweil ein junger Ausserirdischer seinen Lehrer neugierig: «Gibt es eigentlich intelligentes Leben auf der Erde?» Und der Lehrer zupft verlegen an seinem grauen Bart, dreht ein paar Knöpfe seiner Apparaturen, zappt sich minutenlang durch sämtliche irdischen TV-Kanäle – und winkt dann resigniert ab...
Luc Bürgin (Herausgeber)
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