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Sind wir wirklich so dumm
oder tun wir nur so?
«Je mehr ich weiss, desto unglücklicher werde
ich», klagte jüngst eine gute Freundin. «Ist es nicht
tragisch, dass die naivsten Menschen auf dieser
Welt am glücklichsten sind?» Ich mochte ihr nicht
widersprechen – sonst hätte ich lügen müssen.
Wenn wir heute einem Neandertaler in Krawatte
und Anzug über den Weg liefen, würden wir
ihn wohl nicht mal erkennen – oder ihn ob seines
Gefasels mit einer unserer politischen Schnarchnasen
verwechseln. Was will man anderes erwarten
von einer «modernen» Gesellschaft, deren
grösste Leidenschaft darin besteht, bunt bedruckte
Papierscheinchen zu sammeln? Auf den Punkt gebracht: Wenn wir wirklich das Beste sind, was Gott je schuf, dann gnade uns der Teufel!
In immer kürzeren Abständen werden uns die
Hiobsbotschaften von den Medien derzeit um die
Ohren gehauen. Das Erdbeben von Haiti? Längst
vergessen! Die Öl-Pest im Golf von Mexiko: Ein
würdiger Nachfolger! Die gebrochenen Wahlversprechen
der FDP? Schnee von gestern! Die Sparpläne
der Bundesregierung? Tagesthema! Die Klima-
Panik? Out! Die Euro-Krise? In! Das rasante
Wechselspiel begünstigt die Übeltäter: Jede neue
Katastrophe verschleiert die bisherige. Jeder neue
Politskandal lässt einen anderen verblassen.
«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben»,
wurde Michael Gorbatschow vor 20 Jahren fälschlicherweise
in den Mund gelegt. Dennoch plapperten
Millionen den Unsinn in der Folge begeistert
nach – ohne ihn zu hinterfragen. «Schnell, schneller,
am schnellsten» lautet das irrwitzige Motto,
dem sich die Menschheit seither bedingungslos
unterwirft. Die globale Hektik überfordert unsere
Sinne, lähmt unseren Kampfgeist und nährt die
Akzeptanz immer üblerer Machenschaften. Widerwillig
erdulden wir, wogegen wir früher auf die
Strasse gegangen wären – und hetzen weiter. Ohne
zu merken, dass einer nach dem anderen ins Taumeln
gerät. Und mit uns der ganze Erdball.
Prompt erwischte es kürzlich auch mich: Nach
einem reichlich mysteriösen Sturz fand ich mich
mit gebrochenem Ellbogen im Spital wieder, wo ich
neun Tage zur Untätigkeit verdammt ans Bett gefesselt
war. Verflucht sei die Schwerkraft! «Gönnen
Sie sich endlich Ruhe, gucken Sie ein wenig Fernsehen
und erholen sie sich bei uns», säuselte die
Nachtschwester am Abend vor der Operation, während
sie meinen Laptop konfiszierte und mir stattdessen
allerlei bunte Beruhigungspillen auftischte. Ich hätte die gute Frau würgen können!
Benebelt zappte ich in der Folge durchs Weltgeschehen,
um mich der medialen Gedanken-Inkontinenz
hinzugeben. Nur beiläufig erfuhr ich so,
dass BP dem Google-Monster derzeit zweistellige
Millionenbeträge in den Rachen schiebt, damit geschönte
PR-Texte über die Ölkatastrophe im Internet
zuvorderst auftauchen. Ebenso zufällig nahm
ich kurz darauf zur Kenntnis, dass namhafte Grippepandemie-
Experten der WHO von Pharmagiganten «geschmiert» wurden. Und spätestens, als
ein militanter Pfarrer den deutschen Afghanistan-Soldaten am TV auch noch salbungsvoll «Gottes Segen» versprach, hatte ich die Nase gestrichen
voll: Ab zur Beichte, Hochwürden!
Wie soll man in dieser kranken Welt Ruhe finden,
wenn der Schwachsinn allerorts Triumphe feiert?
Warum untätig herumliegen, wenn es überall
brennt? Oder wie ein kluger Kopf mal treffend formulierte:
Wo kämen wir denn hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge?
Trotzig schlich ich zum Spitalschrank, kramte
den Laptop wieder hervor und begann meinen Unmut
nächtens in die Tasten zu hauen. Erleichtert
entschwebte ich darauf in die Traumwelt. Dorthin,
wo sich ein staatlich bezahlter Meteorologe gerade
anschickte, die offizielle Wetterprognose zu
verkünden. «Morgen scheint die Sonne», versicherte
der Mann mit strahlender Miene – ehe ihn
die göttliche Sintflut mitsamt seinen Messgeräten
vom Erdball spülte...
Und irgendwo da draussen flüstert ein Yeti derweil
zum anderen: «Du, ist der Bürgin mittlerweile
wieder auf den Beinen?» «Ja – leider», seufzt der
andere. «Jetzt müssen wir uns wieder verstecken!»
Luc Bürgin (Herausgeber)
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